1.8 Viele hundert Radiofirmen – die meisten waren schnell wieder pleite

Vor dem September 1925 war es noch streng verboten, Geräte ohne RTV­ Zulassung in den Handel zu bringen. Die „schwarzen Schafe“ verteidigten sich – wurden sie ertappt – damit, ihre Geräte nur für den Export gefertigt zu haben. Schutzrechte ließen sie außer acht.

 

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Notiz aus: „Der Deutsche Rundfunk“, Februar 1924

 

Jetzt aber war die große Freiheit ausgebrochen. Jeder durfte fertigen und verkaufen, wenn er mit Telefunken bzw. dem für Telefunken kassierenden Verband der Radio­Industrie (gegründet am 30. Mai 1923) über die Lizenz ­Zahlungen einig geworden war. Am 6. Dezember 1924 erfolgte eine Umbenennung in Verband der Funk­Industrie. Die Bauerlaubnisnehmer kennzeichneten ihre Geräte mit dem rotweißen „VDFI ­Dreieck“.

 

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Telefunken – An alle! stand am 13. April 1924 in der Fachzeitschrift „Der Deutsche Rundfunk“, mit dem folgenden Text: Es werden vielfach Rundfunk Empfangs Apparate angeboten, bei denen Telefunken Schutzrechte verletzt werden. Wir halten es für unsere Pflicht, das Publikum vor dem Ankauf solcher Apparate zu warnen. 

Über 100 Firmen, die sich mit der Herstellung von Empfangsapparaten für deutschen Rundfunk befassen, haben bei uns die Erlaubnis zur Benutzung der deutschen Telefunkenschutzrechte nachgesucht und erhalten. Eine Verwendung unserer Schutzrechte ohne unsere Erlaubnis werden wir nicht dulden und gegen jede Verletzung mit allen uns zur Verfügung stehenden gerichtlichen Mitteln vorgehen.

Seltsam muten heute die Kriterien an, die der Gebührenfestsetzung von 1924 zugrunde lagen. Da musste für jede Detektor­ Fassung (Buchsenpaar) 30 Pfennige bezahlt werden und für jede Röhrenfassung 2 Mark und 50 Pfennige. Dass es später Zwei­ und Dreifachröhren geben würde, bedachte Telefunken damals nicht; dagegen gab es einen Aufschlag von 20 Pfennig für den federnden Sockel, wie er bei den besseren Geräten für die Audionröhre bevorzugt wurde. Und manch andere Kuriositäten sind in den ersten Lizenz ­Bestimmungen enthalten. Sie wurden öfters abgeändert.

Die Anfangszahlen der Lizenzbewerber waren schwer überschaubar und die „Schwarzen“ gab es nach wie vor. Etwa 500 (!) Fälle von Schwarz­Fabrikanten sollen vom VDFI bzw. Telefunken strafrechtlich verfolgt worden sein. Ob das wirklich so viele waren?
Phantastische Umsatzerwartungen hatte man 1924. Die 68 Lizenznehmer meinten, in ihren Geräten 1.136.745 Röhrenfassungen einbauen zu können. Der Verband der Radioindustrie e.V. war vorsichtig und garantierte Telefunken nur 500.000. Sie lag noch viel zu hoch, diese Zusage. Weniger als 100.000 Röhrenfassungen wurden abgerechnet und das spiegelt die damalige Situation recht gut wider. Nicht nur die Absatzerwartungen lagen um das zehnfache zu hoch, auch die Zahl der Firmen, die eine Produktion aufzubauen im Begriff waren. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine weitere Verbandsaufgabe, mit der bei dessen Gründung bestimmt niemand gerechnet hatte: Die Vermittlung von Rohmaterial und Halbfabrikaten von Mitgliedern, denen schon die Luft ausgegangen war, bevor ihre ersten Produkte fertig gestellt und verkauft werden konnten.

„Einige Firmen liquidierten oder gingen in Konkurs“, stellte Dr. Lucae in den Veröffentlichungen über die Verbandstätigkeit fest. Dort vorhandenes Halbzeug wurde „in einer speziell dafür eingerichteten Materialaustauschstelle“ weitervermittelt. Diese Notiz wirft Licht ins Dunkel des damaligen Fabrikations ­Enthusiasmus, in der sich unrealistische Hoffnungen und zerronnene Träume offenbaren. Das „Radiofieber“ hatte anscheinend auch so manchen Geschäftsmann um den Verstand gebracht.

Den Funkindustrieverband, dies sei am Rande vermerkt, gibt es noch immer. Sein Name indes wurde geändert: Interessen­Gemeinschaft für Rundfunkschutzrechte e.V. (IGR), heißt er seit 1934.

Wer kennt die Marken, zählt die Modelle, die schon 1924/25 auf den Ladentischen standen oder auch unter denselben hervorgeholt wurden, wenn die RTV­ Gebühr „eingespart“ wurde. Ihre vollständige Auflistung ist fast eine Unmöglichkeit, selbst wenn man die Detektorgeräte abtrennt und sich auf Röhrenapparate beschränkt. So ergeben sich für den fündig gewordenen Sammler gleichermaßen Probleme wie Herausforderun-gen. Es gibt eben keinen Katalog, in dem jedes irgendwann einmal gefertigte Gerät enthalten ist (die Philatelisten haben es da einfacher). Immer wieder mal taucht ein Unikat auf, über das auch die Fachleute zu rätseln beginnen. Manche dieser interessanten Stücke bewahren ihre Geheimnisse – vorüber-gehend oder für immer.

Eine „RadiOma“ und einen „RadiOpa“ konnte man unter den phantasievollen Namen finden, die den Radioerzeugnissen Glanz verleihen und ihren Absatz fördern sollten. Aus dem trüben Teich der frühen Anbieter wurden mehr als 400 Firmen gefischt, deren Gesamtauflistung jedoch an dieser Stelle den Textablauf stören würde. Die entsprechende Firmenliste wurde daher dem Anhang AI zugeordnet. Es wurde emsig recherchiert, aber nicht alle Bemühungen führten zum Erfolg. Was an Firmengeschichten noch ermittelt werden konnte, steht im Kapitel 3. Von den vielen kleinen Radioherstellern, die im Anhang AI zu finden sind, wissen wir oft nicht viel mehr, als in ihren Annoncen steht. Die wurden aus vielen Fachjournalen usw. zusammengetragen und sollen dem Leser einen Eindruck über die Vielfalt damaliger Anbieter vermitteln.

 

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Aeriola Ges. mbH, Berlin O27

Afra AG für Radioapparatebau, Berlin NW40

Anode Ges. f. Radiotelefonie mbH, Berlin­Wilmersdorf

Antenna AG, Berlin­Charlottenburg

Audioma (Montanum AG), Berlin W9

Baduf, Badische Uhrenfabrik AG, Furtwangen

Behm & Co., Radioges. mbH Berlin SO36

Bergmann AG, (Radioton), Berlin NW6

Beuke & Co., Radiotechn. Werkstätten, Berlin SO33

W.A. Birgfeld AG, Berlin W8

Calor­Ges. mbH, Berlin­Tempelhof

Daimon, Schmidt & Co., Berlin N39

Deradio AG, Schwaan & Zimmermann, Berlin 027

Deutsche Radiophon (Haas & Schmidt), Berlin­Cöpenick

Emgefunk, Mix & Genest AG, Berlin­Schöneberg

Fernfunk, Ges. f. drahtlose Telefonie mbH, Berlin W57

Frey ­Radio, Freiburg im Breisgau

Friho, Fritz Hofmann, Erlangen

Dr. Erich F. Huth GmbH, Berlin SW48

Ideal Radiotelefonie u. Apparatefabrik, Berlin SW48

Isaria ­Zählerwerke AG, München 2

Klenk & Co., Apparatebau, Stuttgart

Koch & Sterzel AG, Dresden

Kramolin & Co. GmbH, München

Dr. W. Lissauer, Präz.­Werkstätte, Altona­ Bahrenfeld

Longa, Joh. Lange Hörapparatefabrik, Plauen i. Vogtland

Maretrans­Radio­Company, Berlin W9

Monette, Mock & Nettebeck, Berlin­Stralau

Radio Amato, Otto Lootze, Berlin SW48

Radiofrequenz GmbH, Berlin­Friedenau

Radioma AG für Radiotelefonie, Berlin W57

Radiopa, GmbH, Schlachtensee

Radiosonanz AG, Berlin ­Charlottenburg

Ratag, Radio­Telefon AG, Charlottenburg

Reico, M. Reinhardt & Co. GmbH, Berlin­ Cöpenick

Rieder & Zorn GmbH, Berlin­ Neukölln

Schneider­ Opel­ Radiowerk, Frankfurt­ Eschersheim

Stahlwerke Mark, Breslau AG.

Unionfunk, Union Elektromotorenwerk KG, Berlin W9

Vox­ Maschinen AG, Berlin W9

Watt­ Elektrizitätswerk AG, Dresden

Weltfunk, C.& P. Höpfner, Leipzig

Zonophon AG, Berlin S42

 

Von der zweiten großen Berliner Funkausstellung berichtete „Der Radio Amateur“ im September 1925, dass nun in kaum mehr als zwei Jahren in Deutschland ein ganz neuer Industriezweig entstanden ist – von nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Bedeutung. Und er fuhr fort:

 

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“Vorherrschend ist zunächst der sehr erfreuliche Eindruck, dass jetzt fast durchweg außerordentlich saubere und solide Arbeit geleistet wird. Die minderwertigen Erzeugnisse sind fast vollkommen von den Ausstellungen verschwunden“.

 

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Indes – da waren auf der Funkausstellung wieder rund 150 „der führenden deutschen Radiofirmen“ vertreten, zu denen allerdings auch die Hersteller von Lautsprechern, Zubehör- und Einzelteilen gerechnet wurden. Das waren noch immer zu viele.

 

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