6.1 Rundfunkwerke arbeiten für die Rüstung – aber Devisen braucht man auch

Schon in den ersten Kriegsjahren wurde die Rundfunkindustrie zu Dreiviertel mit der Fabrikation militärischer Nachrichtengeräte ausgelastet. Den zivilen Bedarf deckte (von Werk zu Werk unterschiedlich) das restliche Viertel der Fertigungskapazität ab. Von den noch produzierten Geräten waren gut die Hälfte Volks- bzw. Kleinempfänger. Es gab zwar zahlreiche Privilegierte, die sich nach wie vor Groß.- und Luxusgeräte zu beschaffen wussten, die meisten Radios aus der Mittel.- und Oberklasse wurden aber zum Zwecke der Devisenbeschaffung exportiert. Bei den schönsten der im ersten Kriegsjahr zumeist in den europäischen Raum exportierten Geräten handelte es sich noch um Modelle aus der Saison 1939/40.

Inländische Fachzeitschriften, z.B. „Der Rundfunk Händler“, sparten das Thema Exportgeräte weitgehend aus, nur in „Radio Mentor“ konnte man gelegentlich fündig werden. Jedoch – eigens zum Zwecke der Exportbelebung – wurde 1940 die Zeitschrift „Radio Progress“ gegründet, in der das Angebot deutscher Rundfunkgeräte nachzulesen ist. Mehr als 500 Typen kamen im Verlauf der Kriegsjahre auf den außerdeutschen Markt – man kann’s kaum glauben.

 

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Tabelle aus: „Der Rundfunkhandel“, Dezember 1948          Schaubild aus: „Funkgeschichte Nr. 121“

 

Aufschlussreich ist das Schaubild, welches die Telefunken Radioumsätze in den Jahren 1939 bis 1943 zeigt. 1939 war dort die „Radio Welt“ noch in Ordnung, der Exportanteil lag unter 10 %. Auch 1940 hatte sich nicht viel verändert, 1941 aber fiel der Inlandsumsatz auf weniger als die Hälfte zurück, während der Exportanteil prozentual zunahm. Diese Tendenz setzte sich in den Folgejahren fort. Das Radio war bei Telefunken zur Nebensache geworden, „Rüstungsgüter“ standen nun an erster Stelle – auch bei anderen Radiowerken.

 

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Die Radiofirmen vertrösteten ihre deutschen Kunden auf die Nachkriegszeit.

 

AEG, Blaupunkt, Braun, DeTeWe, Emud, Eumig, Graetz, Horny, Ingelen, Kapsch, Körting, Loewe (Löwe), Lorenz, Lumophon, Mende, Minerva, Nora, Radione, SABA, Sachsenwerk, Schaub, Schaleco, Seibt, Siemens, Staßfurt, Tefag und TeKaDe – viele Firmen, welche Rüstungsgüter produzierten, exportierten auch Radios. Indes – nur ein kleiner Teil der für den Export gefertigten Geräte kam aus ihren inländischen Werken. Durch die Besetzung der Ostgebiete waren die Deutschen bzw. deren Funkindustrie in den Besitz dortiger Betriebe gelangt und ließen darin oder in neu entstandenen Werkstätten zumeist so genannte „Verlagerungs Geräte“ fertigen. Auch in andern Ländern Europas wurden freie Kapazitäten zur Radioproduktion genutzt.

 

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Inserat aus: „Der Rundfunk-Händler“ Heft 4/1942: Weil die Markenfirmen, z.B. Blaupunkt, nicht in Vergessenheit geraten wollten, inserierten sie auch in der Kriegszeit.

 

Heute ist es kaum mehr festzustellen, wo die einzelnen „Markengeräte“ herkamen – es konnte zum Beispiel ein „Lorenz Radio“ mit einem Philips Innenleben ausgestattet sein, welches Eindhoven oder Aachen nie gesehen hatte. Und der „Löwe 612 GW“ wurde natürlich auch nicht in Steglitz gefertigt.  Warum das so war, warum unter so vielen Marken exportiert wurde, das hatte sicher auch propagandistische Gründe. Die Reichsregierung wollte der Welt kundtun, dass in Deutschland zur Fertigung nachrichtentechnischer Geräte so umfangreiche Kapazitäten vorhanden waren, dass die Produktion von Rundfunkgeräten in allen Betrieben noch problemlos weiter laufen konnte.

 

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Inserat aus: „Der Rundfunk-Händler“, März 1944. 1941 gründete der Dipl.-Ing. Wladimir Schultz-Fegen in Litzmannstadt (Lodz hieß von 1939-45 Litzmannstadt) die Radiotechnische Fabrik Ika und fertigte über die Kriegszeit den „Deutschen Kleinempfänger“.

Notiz aus: „Der Rundfunk-Händler“, 1941 Die dynamische Chronik, 6. Kapitel 6.1 Rüstung und Devisen

 

Und was blieb dem deutschen Normalbürger? Der musste schließlich froh sein, wenn er einen VE oder DKE ergattern konnte, welchen er vielleicht dann bekam, wenn er mit einem Radiohändler gut befreundet war. Wenn ihm dieses Glück nicht hold war, besorgte er sich eben einen „Erika Detektorempfänger“, den es in den ersten Kriegsjahren noch ohne besondere Zuteilung zu kaufen gab.

Alles konzentrierte sich auf den Krieg, der Bürger musste sich allenthalben einschränken und sich gedulden, bis die „goldenen Nachkriegszeiten“ anbrechen würden, welche die NS-Regierung nach dem „Endsieg“ versprochen hatte. Er sollte auch einsehen, dass die hochwertigen Radios exportiert werden mussten – zur Beschaffung von Devisen, welche man zum Kauf kriegswichtigen Materials benötigte. 

 

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1940/41 bekam man den „Erika“ noch ohne Zuteilungsschein, danach wurde auch der Detektor für kriegswichtige Bedarfsträger reserviert.

 

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