7.1 Hunger, Kälte und bittere Not kennzeichnen die Nachkriegszeit 

 

Zwei Jahrzehnte – 1930 bis 1950 – waren geprägt durch eine Kette von Ereignissen, welche die deutsche Nation in das finsterste Kapitel ihrer Geschichte führten. 1930 war es die bittere Not in der Arbeitslosigkeit, der die zerstrittenen Politiker ziemlich hilflos gegenüberstanden und so dem NS-Regime den Boden bereiteten. In der zweiten, nur scheinbar so erfolgreichen Hälfte der Dreißiger führte dann die braune Regierung das Volk ins Verderben und die sechs Kriegsjahre gaben dem Land den Rest. 1945 war die Not noch größer als 1930. Mit der bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945 schlug auch für den deutschen Rundfunk, für die Gerätehersteller und für den Radiohandel die Stunde Null.

 

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Hier beginnt die Geschichte – inmitten der totalen Zerstörung entstand das „Notzeit-Radio“, welches vor allem aus Wehrmacht-Überbleibseln zusammengebastelt wurde. Defekte und durch Luftangriffe beschädigte Empfänger aus der Vorkriegszeit sollten repariert werden – Improvisationstalent war gefragt. Es wurde mit den primitivsten Mitteln gearbeitet – erst drei Jahre nach Kriegsende begann der Aufschwung, welcher eine neue Glanzzeit der deutschen Radioindustrie einleiten sollte. Bis zum Ende der ersten Jahrhunderthälfte hatte sich die Demokratie verfestigt, die neue Währung war stabil und Deutschland hatte wieder eine Zukunft.

 

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Die Notzeit spricht aus diesem „Rundfunkempfangsgerät“. „Kraut – Kraut – Kraut“ wurde einst auf eine Konservendose aus der Kriegszeit gestempelt. 1945 war sie dem Radiobastler willkommen – als Abschirmbecher für seine Audionstufe mit einem Mittel- und Langwellen-Spulensatz. Zur Senderabstimmung benützte er den alten Meß-Drehkondensator, der vielleicht früher in einem HF-Labor in Gebrauch war. Mit zwei Wehrmachtröhren RV 2,4 P 700 hatte der handwerklich nicht eben begnadete Bastler sicher recht guten Empfang – solange die Batterien mitmachten. 

 

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Aus Röhren und Einzelteilen von ausgeschlachteten Wehrmachtsgeräten, auch aus Überresten zerbombter Radioapparate, entstanden 1945 bis 1947 primitive „Notzeitradios“. Die Radioindustrie war ebenfalls auf ausgebaute Wehrmacht-Geräteteile angewiesen – Telefunken beschäftigte 1945 im Werk Dachau einige hundert Arbeitskräfte mit Zerlegearbeiten.

Der Krieg war verloren – Millionen hatten Väter, Männer und Söhne verloren, die meisten auch ihr Hab und Gut. Die Frauen hätten nur noch heulen können. Viele wurden zu „Trümmerfrauen“ degradiert, die in ausgebombten Häuserruinen nach allem suchten, was noch verwertbar erschien. Jedes Metallstückchen war zu einem kostbaren Gut geworden; aus Mauerresten konnte man „wertvolle“ Backsteine zurecht schlagen. Provisorisch überdachte Ruinen dienten als Notunterkünfte.

 


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Diese Frauen wollten nicht aufgeben – bewundernswert ist ihre Tatkraft, mit der sie die Grundlage für den Wiederaufbau schufen. 

 

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Auch diese Szene wurde von Hannes Kilian im Foto festgehalten. Heute gilt das Kilian-Archiv als einzigartiger Fundus aus den bitteren Nachkriegsjahren.

 

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Aus den Radiowerken in der amerikanischen Zone Südwestdeutschlands gab es nichts zu demontieren. Die Schaubwerke Pforzheim waren völlig  zerstört, Emud und Wega hatten nicht die interessante Größenordnung und SABA lag in der französischen Besatzungszone – da wurde gründlich demontiert. Kaum einer hatte noch die Hoffnung, dass das Leben jemals wieder so werden könnte, wie vor dem Krieg…

Nichts war verschont geblieben, auch die meisten Fabri-kationsstätten der Radioindustrie lagen 1945 in Trümmern. Was nicht kaputt war, fiel zum Teil plündernden Zeitgenossen und Zwangsarbeitern zum Opfer, nicht selten auch wandalierenden Besatzern. Zwei Jahre später wurden zahlreiche der noch heil gebliebenen Maschinen als Reparationsleistungen abtransportiert. Fast alle Sendeanlagen waren nicht mehr betriebsfähig, aber die Militärregierungen sorgten für (Behelfs­) Sender und planten neue Verwaltungsstrukturen.

 

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Ein fahrbares Studio in der Hofeinfahrt des Stuttgarter Funkhauses, des einstigen Telegraphenbauamtes in der Neckarstraße, diente den Amerikanern – von Anfang Juni 1945 an – mehrere Monate lang als Sendezentrale. 

 

Der deutsche Bürger durfte nachts wieder schlafen, wurde nicht mehr durch Alarmsirenen aufgeschreckt. Das war aber auch die einzige Verbesserung der damaligen Lebensqualität, ansonsten musste er hungern und frieren wie in den letzten Kriegstagen – dazu kam die „Ausgangssperre“. Trotz großer Not, Hunger und Kälte: ein Radio war der große Wunsch. Es verkündete die Zeiten der Ausgangs- und Stromsperre, Verlautbarungen über Lebensmittel­Zuteilungen, wichtige Lokalinformationen – Zeitungen gab es ja nicht – und es brachte ein wenig Unterhaltung in diese trostlose Nachkriegszeit. Weil auch noch zahlreiche Radios, welche die Luftangriffe schadlos überlebt hatten, von den Besatzungsmächten requiriert wurden, buddelte man beschädigte Geräte aus dem Schutt.

 

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Dieses Vorkriegs-Gerät, ein Telefunken 512 WL, wurde in einem verschütteten Kellergewölbe gefunden. Unverändert belassen dient es als Zeitzeuge.

 

Wer handwerklich begabt war oder einen praktisch veranlagten Radiobastler kannte, versah mit dessen Hilfe zum Beispiel seinen zerstörten Lautsprecher mit einer behelfsmäßig gefertigten Membran, wickelte ggf. auch eine Schwingspule und suchte in alten Bastelkisten nach verwendbaren Einzelteilen. Vielleicht fand er da auch noch ältere, schon früher ausgewechselte, aber eben noch brauchbare Röhren um mit denselben das Schrottgerät zu vervollständigen, damit es wieder Töne von sich gab.

 

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Hat er nicht gut gearbeitet – der Radiomechaniker, welcher dieses zerbrochene DKE Gehäuse wieder zusammenflickte? Selbst das fehlende Bakelit Teilchen ersetzte er durch eine Pertinax Ecke. Nur am Gehäuse Boden machte er sich diese Mühe nicht. Natürlich war auch das Innenleben (die VCL 11 usw.) zerstört – der Fachkundige erweckte es mit Hilfe zweier Wehrmachtröhren zu neuem Leben. 

So konnte es vorkommen, dass für ein Allstromgerät in Ermangelung der geeigneten Endröhre CL 4 beispielsweise eine EL 11 verwendet wurde – diese 6,3­Volt­ Röhre, welche statt 0,2 A (CL 4) 0,9 Ampere Heizstrom benötigte, so dass der Empfänger mit rund 200 Watt Stromverbrauch auch noch als Heizofen fungierte. Und das in einer Zeit, in der Strom doch zur Mangelware zählte und Abschaltungen an der Tagesordnung waren.

 

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Heute unvorstellbar: Die defekte RENS 1823 d im Gleichstrom VE 301 G wurde durch eine REN 904 ersetzt. Über den Parallelwiderstand mit 164 Watt Heizleistung wurde auf das oben ausgesparte Gehäuse ein Lüftungsgitter genagelt. So diente der Radioapparat, der natürlich nur zum Abhören der wichtigen Sendungen eingeschaltet wurde, gleich als Teewärmer. Leider wurde dieses Zeitdokument – ein Zweiröhren-Volksempfänger mit 220 Watt Leistungsverbrauch! – im Unverstand „fachmännisch“ restauriert, d.h. in den Originalzustand zurückgebaut.

 

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7.2 Es fehlen Ersatzröhren – die „P 2000“ wird zum Begriff

 

Vorkriegsröhren waren so gut wie gar nicht zu bekommen und die in geringen Stückzahlen neu gefertigten wurden der Industrie zugeteilt – zum Bau neuer Radios. Ein Glücksfall war es deshalb, wenn man eine so genannte „P 2000 ­Quelle“ anzapfen konnte. Die berühmte, nur etwa 4,8 cm hohe Wehrmachtsröhre RV 12 P 2000, die „pfiffige Kleine, die einfach alles konnte“, wurde zum Liebling der ersten Nachkriegsjahre. Ob als Audion­, Verstärker­, End­ oder Gleichrichterröhre, überall fand sie Verwendung. Auch Misch­ und sonstige Zweisystemröhren konnte man durch diese Alleskönnerin ersetzen, wenn man zwei oder drei Stück auf einen Sockel montierte.

 

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„RV 12 P 2000“ – die „Universalröhre aus Ulm“

 

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Derartige Ersatzaufbauten wurden nicht nur von Bastlern und Reparaturwerkstätten zusammengestellt, auch namhafte Radiofabriken bestückten ihre 1945er-Erstmodelle mit solch kombinierten Röhrengebilden.
 
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Zwei RV 12 P 2000, aufgesockelt zum Ersatz der DKE-Röhre VCL 11

 

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Wie bescheiden waren damals noch die Männer aus der Kriegs-Generation: Für eine Auskunft einschließlich Briefporto begnügten sie sich mit einer Reichsmark. Inserat aus der „Funkschau“, Heft 1/1947

 

Als die zunächst noch großen Wehrmachtsbestände nach und nach zu Ende gingen, wurde die so beliebte „P 2000“ (wie man sie verkürzt nannte) zur gesuchten Mangelware, bis sie dann (im Telefunken Werk Ulm und anderswo) nochmals neu produziert werden konnte. Bald aber wurde diese Fertigung wieder eingestellt.