3.109 Wega, Stuttgart *

 

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„Wilhelmsplatz 13A“ in Stuttgart war die Adresse, über die ein Albumblatt Elektro ­Geschichte zu schreiben wäre. Hier hatte Wilhelm Reisser (der spätere königliche Hoflieferant) in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts ein Installationsgeschäft gegründet und sein Sohn Paul errichtete, angetrieben von einer Lenoir'schen Gasmaschine, Deutschlands wahrscheinlich erstes „öffentliches“ Kraftwerk. Schon Anfang 1882 versorgte es die aus Paris eingeführten Edison'schen Kohlenfadenlampen mit Strom, noch vor der Premiere des Glühlampenlichts am 12. April 1882 im fernen Berlin.

 

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Inserat aus „Der Deutsche Rundfunk“, Juni 1924

 

1925 prangte am Fabrikgebäude Wilhelmsplatz 13 A auch das Firmenschild des Schwäbischen Rundfunks, System Telefunken (deren Werksvertretung im III. Stock) und ein weiteres der „Württ. Radio Gesellschaft mbH“. Die Herren Ferdinand Hammer und Fritz Müller hatten sie im Januar 1924 gegründet, erhielten im März die RTV-Zulassung und begannen im Stuttgarter Herdweg mit der Fabrikation von Zwei- und Dreiröhrenempfängern; das Spitzengerät war der Dreikreis-Neutrodyn-Empfänger Wegadyne. Den Verkauf betreffend wurden Hammer und Müller jedoch nicht so recht glücklich. Der Photograph Hugo Mezger – zunächst Generalvertreter – übernahm den Betrieb und führte ihn mit kaufmännischem Geschick und recht autoritär zum Erfolg. Ergänzend erwarb er auch die in Konkurs geratene „Süddeutsche Radio­Zentrale Willi Diettrich“ in der Stuttgarter Königsstraße.

 

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Dieser Herr Diettrich war nicht gerade bescheiden – in seinem Katalog von 1925 stand auf jeder Seite die Fußnote „Größtes Spezialhaus Deutschlands für sämtliche Radioartikel“. Auch sein Angebot war nicht kleinlich: er hatte wohl als einziger den Ratag­ Zehn ­Röhren ­Superheterodyne­ Empfänger im Lieferprogramm. Mezger war realistischer und beschränkte sich in der folgenden Katalog­ Ausgabe auf die Fußnote „Führendes Spezialhaus für sämtliche Radioartikel“.

Doch zurück zur „Württ. Radio­ Gesellschaft“ und ihrem Prinzipal. Vertraut mit den Umsätzen im Ladengeschäft wusste er sehr wohl, was sich die Kunden erträumten und was sie schließlich kauften. Und weil er seine Landsleute kannte, produzierte er nur preiswerte Geräte einfacher Art. Der Fünfröhren­ Dreikreiser Wegadyne, den seine Vorgänger 1924 offeriert hatten, wurde 1925 gestrichen. „Bei den Großgeräten ist der Handel wirtschaftlicher“, befand Mezger und beschränkte sich auf die Fertigung von Einzel­bausteinen, die auch zu größeren Empfangsanlagen zusammengestellt werden konnten. Auch nach der Veräußerung des Ladengeschäfts an die Firma Hirrlinger blieb der Fabrikant seinen Prinzipien treu. Bis Ende der Zwanziger gab es bei Wega nur Geräte einfacher Art, der „Ultradyne-Empfänger“ war sicher ein „Ausrutscher“.

 

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Abbildung aus dem Wega-Katalog 1925. Der Einröhren-Empfänger N.P.1 konnte für Kopfhörer-Empfang benützt, oder durch andere Bausteine erweitert werden.

 

1931 empfahl Hugo Mezger seinen ersten „Volksempfänger“ Typ W 6 – noch mit getrenntem Lautsprecher. In den Radiokatalogen jedoch konnte man das Stuttgarter Fabrikat bis 1932 gar nicht finden.

 

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Abbildung aus dem Wega-Katalog. 1925 gab es auch von Wega einen „D-Zug“, bestehend aus den Teilen: Einröhren-Hochfrequenzverstärker Type N.V.1, Einröhren-Audion N.P.1 und Zweiröhren-Niederfrequenzverstärker N.V.2.

 

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Inserat aus: „Radio“, August 1927. Ein Ultradyne-Empfänger von Wega? 

 

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Das erste Gleichstrom-Netzanschlussgerät aus „Stuttgarter Produktion“: der Einkreiser Wega GA von 1927, mit einer Duotron-Röhre und einer Kohlenfadenlampe als Heiz-Vorwiderstand. Der Lautsprecher Grawor Acortion wurde 1927 mit Zink-Druckgußteilen aufgebaut und ist in der Regel wegen „Quellverformung“ dieser Teile nicht mehr funktionsfähig.

 

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Erst 1933 tauchten in regionalen Rundfunklisten vereinzelt die VE ­ähnlichen Zwei­ und Dreiröhren­ Einkreiser auf, 1934 gab‘s auch einen Zweikreiser.

 

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Inserat aus: „Der Radio-Händler“, 1933. „Wega“ hießen die Radios schon seit 1924. Der gleichnamige Stern erster Größe im Sternbild der Leier hatte die Firmengründer dazu inspiriert. Die Firma selbst wurde – auch wenn im Inserat „WEGA RADIO“ steht – erst viel später, nämlich 1956, „Wega­ Radio GmbH“ genannt.

 

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Ganz ohne Zweifel war das eine „WEGA-Überraschung“. Aber der Handel nahm gar keine Notiz von diesem bemerkenswerten Zweikreisgerät. In den Radiokatalogen ist weder dieses, noch ein anderes Wega-Gerät zu finden. Die Umsätze können auch nicht groß gewesen sein – nicht einmal im Stuttgarter Raum konnte ein solches Radiogerät ausfindig gemacht werden; auch in der werkseigenen Wega-Sammlung fehlte es. Das betrifft auch andere Wega-Modelle von 1934 bis 36.

1935 erschienen die neuen Wega-Radios in modernen Querformaten. Der Einkreiser Burg Lichtenstein wurde offensichtlich zum Vorbild für den 1937er Tefadyn 200 W. Während dieses Tefag-Modell noch in größeren Stückzahlen in Sammlerhand ist, sucht man den Wega vergebens.

Der Schiller bekam nun auch das neue Gehäuse, und dem größten aus dem 1935er Wega Programm, dem mit drei Röhren bestückten Zweikreis-Empfänger Stuttgart, welcher doch 1934 noch so attraktiv war, tat die Neugestaltung gar nicht gut.

 

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Man muss schon in den regionalen Katalogen blättern, um Wega-Geräte zu entdecken. Wega-Einkreis-Empfänger von 1933 findet man beispielsweise in einer Rundfunk-Liste der Dresdener Elektro- Rundfunk-Großhandlung Ernst Bollmann. Die abgebildeten und beschriebenen Geräte Wega 55 und Schiller enthält der Schneider-Opel-Katalog vom November 1934. Die letzten Wega-Dreiröhren-Einkreiser im Hochformat kamen 1935 und 1936 nur noch als W 77, bzw. B 77 Spezial auf den Markt.

 

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Auch im Illustrierten Radiokatalog von 1935/36 war die Wega mit ihren Radios noch nicht vertreten. Die labgebildeten Geräte findet man im Radio-Katalog, den die Dresdener Radio-Großhandlung Woldemar Schmolke 1935 herausbrachte. Nicht nur im Radiokatalog der Firma Schmolke waren Wega-Radios enthalten, auch im 1935er Katalog der Elektro Grosshandel AG, München. In den Angebotslisten der Stuttgarter Radiohändler standen die Wega-Fabrikate nicht. 

Die Stuttgarter Firma zählte bis Mitte der Dreißiger noch zu den unbedeutenden. Ihr erfolgreichster Generalvertreter war ein Rheinländer, der mehr als die Hälfte aller Wega-Radios in den dortigen bzw. mitteldeutschen Industriezentren abzusetzen verstand. Deshalb findet man Geräte dieses Fabrikats auch eher in Wuppertal, Essen, Dresden oder Leipzig als in ihrer Heimatstadt.

 

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1933 erschienen neben den Zweiröhren-Typen 5, 55 und 66 die Wega-Radios vom Typ 77 als: W 77, W 77 Spezial, G 77, G 77 Spezial und B 77. Alle fünf waren Dreiröhren-Einkreiser mit Sperrkreis und einer in Stufen schaltbaren Antennenspule. 1933 wurde der W 77 Spezial mit einer halbrunden Skala ausgestattet, 1934 oder 35 erhielt er – noch immer mit der selben Typenbezeichnung – eine Linearskala. Und so findet man ihn auch noch im 1936er Handbuch des Deutschen Rundfunkhandels, als Netz- oder Batterie-Empfänger W / B 77 Spezial. Hier abgebildet ist der mit den Röhren REN 904, REN 904, RE 134 und RGN 354 bestückte W 77 Spezial, Modell 1935. Gegenüber dem schlichten W 77 haben ihn die Stuttgarter durch ein „besonders geschmackvoll ausgeführtes, extra starkes Nußbaumgehäuse“ aufgewertet. Mit den vier Röhren kostete dieser Wega-Einkreiser 115.75 Mark.

1936 hatte Wega zwei „Knirpse“ im Lieferprogramm. Beim „kalten“ Knirps B handelt es sich um einen Batterie-Zweikreiser, dessen ausgefallene Röhrenbestückung den Funktechniker in Erstaunen versetzt. Die Oktode KK 2 steckt in der HF ­Stufe dieses Geradeausempfängers, im Audion eine KC 1, und die KL 1 dient als Lautsprecherröhre. Wega benützte das Oszillator­ Triodensystem der KK 2 zur NF­ Verstärkung zwischen der Audion­ und Endstufe. Es dürfte kaum ein zweites Gerät mit dieser interessanten Schaltungstechnik gegeben haben.

Wo blieben diese Radios? Selbst rund um den Produktionsstandort Stuttgart gilt der Fund eines der Wega­ Heim- oder Koffergeräte als Glückstreffer. Bis zum Modelljahr 1935/36 gab es bei Wega nur Ein- und Zweikreisgeräte. Das Lieferprogramm war mit dem von Emud vergleichbar – beide produzierten vorwiegend Volksradios bzw. Volksempfänger. Erst 1936 versuchte Wega, in die Superhet-Klasse vorzustoßen und offerierte – für Allstrombetrieb – den Vierröhren-Sechskreis-Super Tübingen im Gehäuse des „Knirps“ (ohne Unterbau und Türen) als „Reisesuper“. Ihm folgte 1937 der Wega 657 in W-, G- und B-Ausführung.

 

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Der hier abgebildete „heiße“ Knirps GW hat eine normale Röhrenbestückung. Er arbeitet mit den Allstromröhren CF 3, CF 7 und CL 4. Mit V-­Röhren wäre das Koffergerät kühler geblieben, von dieser Serie gab es 1936 aber erst die VC 1, VL 1 und VY 1. Nachdem auch die Typen VF 7 und VL 4 verfügbar waren, bestückte Wega den 1938er Knirps mit diesen Sparröhren. Sie beanspruchten nur ein Viertel des Heizstroms der C-­Röhren.

 

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Inserat aus: „Der Radio-Händler“, 1938, Heft 13

 

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Inserat aus: „Der Radio-Händler“, Nov. 1938

 

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„Ein richtiger Sechskreis-Super zum Preis eines Zweikreisers“. 1938 erschien dieser Sechskreis-Super 648 W. Er empfängt Mittel- und Langwellen. Im Röhrensatz (AK 2, AF 7, ABL 1) fehlt eine Röhre für die NF-Verstärkung. Weil sie bei Schallplattenübertragung unerlässlich ist, wurde dafür die ZF-Verstärkerröhre umfunktioniert. Offensichtlich war der preiswerte Super gefragt, Wega fertigte ihn bis zum Kriegsanfang.

 

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Inserat aus „Der Rundfunk-Händler“ März 1939.

 

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Das abgebildete Wega-Prospektblatt zeigt den den 759 W, wie er nach der Erstserie geliefert wurde.


Im Katalog 1939 findet man in diesem Bakelitgehäuse nur den Zweikreiser 249 W, während der 649 W in einem Gehäuse steckt, das dem 759 W sehr ähnlich ist. Die Wega-Radios betreffend, können wir uns auf die Kataloge nicht verlassen. Der Super 648 W erschien nur in der Katalog-Ausgabe 1938. Ansonsten fehlen die üblichen Wega-Geradeausempfänger; nur ein Allstrom-Zweikreiser – der Knirps-Koffer 38 – ist dort noch zu finden. 1939 fehlt das Bild des 648 W, und die neuen Superhets 649 bzw. 759 W sind in den Gehäusegestaltungen abgebildet, welche nur kurze Zeit so geliefert wurden. Bis 1939 schafften es die Stuttgarter, deren Geräte bis 1935 mit solchen von Emud vergleichbar waren, zum Superhet mit Eingangsbandfilter; einem Vierröhren- Siebenkreiser, den andere Firmen als „Großsuper“ bezeichnet hätten.

 

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Eigentlich sollte er so aussehen, wie er im Radiokatalog 1939 abgebildet wurde. Warum der größte Wega-Super aus dem Jahr 1939, der 759 W schließlich in einem äußerst schlichten, farbgespritzten Holzgehäuse geliefert wurde, das kann uns heute niemand mehr sagen. Nur vermuten können wir‘s – alle Firmen wurden ermahnt, Rohstoffe einzusparen – schließlich stand der Krieg bevor. Im schlichten Gehäuse steckt – bestückt mit den Röhren ECH 11, EBF 11, ECL 11 und EM 11 – ein Siebenkreis-Superhet für Kurz- Mittel- und Langwellenempfang.

 

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Auch auf die Gestaltung des Standard-Superhets 649 W trifft zu, was über den 759 W gesagt wurde. Das Bakelit-Gehäuse, dessen Pressform ohnehin für den Zweikreiser 249 W zur Verfügung stand, war mit weitaus weniger Arbeitsaufwand herzustellen, als das im Katalog und in der Bedienungsvorschrift abgebildete handwerklich verarbeitete Edelholzgehäuse. Bestückt wurde dieses preisgünstige Gerät für den Empfang von Kurz-, Mittel- und Langwellen mit den Röhren: ECH 11, EBF 11, ECL 11 und AZ 11.

Der Vollständigkeit halber soll vermerkt werden, dass die Wega der „Radio-Union“ angehörte. Neben Volksempfängern fertigte sie die Gemeinschaftsgeräte RU 1 und RU 3.

 

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In den Kriegszeiten ging die Radioproduktion rasch zurück – auch der Württembergischen Radio-Gesellschaft hat man die Produktion kriegswichtiger Erzeugnisse zugewiesen. Im Meter-Bereich arbeitende Ballon-Sender und Empfänger für Wetterbeobachtungen wurden jetzt gefertigt. 1942 jedoch entstand noch der Kleinsuper 642 GW, welcher im Kapitel 6.2 abgebildet ist.

 

Die Geschichte des Unternehmens ab 1945 wird im Kapitel 9 – Chroniken westdeutscher Nachkriegs- Radiofirmen – unter „Wega“ fortgesetzt.