9.116 Südfunk, Stuttgart und Waiblingen

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Der renommierte Wiener Entwicklungsfachmann Dr. Robert Ott leitete von 1938 bis 1945 die Rundfunk Labors der Firma Wega, bevor er sich 1946 in Stuttgart selbstständig machte (die Wega ­Mitarbeiter Klein und Hummel taten dasselbe). Das erste Südfunkgerät – ein mit den Wehrmachtröhren RV 12 P 2000 bestückter Zweikreiser – war noch etwa schaltungsgleich mit dem Wega 246.

 

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Drei Wehrmachtröhren RV 12 P 2000 stecken in diesem Zweikreis- Empfänger (ohne Typenbezeichnung), den Dr. Robert Ott noch als Entwicklungs­Chef der Firma Wega konstruiert hatte und nach dem Start in die Selbstständigkeit als erstes „Südfunk­Gerät“ herausbrachte.
Etwas ungewöhnlich: die Skala und auch die Bedienungsknöpfe links vom Lautsprecher.

 

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1949 hieß er Weltsuper, der mit UCH 11, UBF 11, UM 11 und UCL 11 bestückte Sechskreis-Allstrom Superhet. Das Besondere an diesem AM­ Empfänger war ein Bereich zwischen den Kurz­ und Mittelwellen: 47 bis 200 Meter.

1950 erschien ein Wechselstrom­Modell in gleicher Aufmachung als Ultra 1 mit FM­Teil und E-Rimlockröhren.

 

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Inserat Mitte rechts: aus „Funkschau“ 1950, H. 16, links: aus 1951, Heft 24.

 

Von dieser Südfunk Modellreihe erschienen mit geringen Abwandlungen die Typen Ultra2 (1950) bis Ultra 7 (1952). Das Gerät im Bild ist der Siebenkreis ­ AM / FM ­Superhet Ultra3. Dr. Ott fertigte ihn in Wechsel­ und Allstromausführung.

 

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Die „Ultra-Radios“ waren nicht besonders preisgünstig, Dr. Ott musste auch etwas in der Preisklasse 200 bis 300 DM anbieten, und brachte seine „Diamant-Serie“ auf den Markt. Daraus ist hier der Diamant W/8 abgebildet. Im AM-Teil hat er sieben Kreise, im UKW-Teil zehn, und doch kostet er 80 Mark weniger als der im selben Jahr angebotene Ultra 6, welcher lt. Katalog im AM-Teil sechs, und im FM-Teil neun Kreise haben soll.

Offensichtlich war Ott auch davon überrascht worden, dass im Modelljahr 52/53 Radios mit den hellen „Klaviertasten“ gefragt wurden. Beim 289 Mark teuren Diamant W/8 steht: „Das gleiche Gerät wird auch mit Drucktasten geliefert, Preis liegt noch nicht fest“. Im VRG-Katalog des folgenden Jahres standen dann (zum Preis von 269.- DM) nur noch „Diamanten“ mit Klaviertasten, die „Ultras“ gab es nicht mehr.

 

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Inserat aus der „Funkschau“, Heft 15/1954 und 13/1955

 

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 Aus einem „Funkschau“-Bericht im Heft 14/1954

 

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 Aus einem „Funkschau“-Bericht im Heft 19/1953

 

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 Südfunk Werbebild mit: Diamond W 811 K, 1955

 

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So kurz wie manch andere aus der Nachkriegszeit lebte die „Südfunk­ Apparatebau GmbH“ nicht. Dr. Ott zählte zu den Fortschrittlichen: schon 1950 hatte er den „Ratio­ Detektor“.

Im Oktober 1953 berichtete die Funkschau: „Neu ist die „Diamant Musiktruhe“, wahlweise mit Einfach-Plattenspieler oder Wechsler. Als Rundfunkgerätechassis können die Typen W 81, oder W 85 K (mit zusätzlichem Wellenbereich 40 bis 170 m) eingebaut werden“.

1954 wurden in der selben Fachzeitschrift (in den Heften 11 und 14/1954) die Vorzüge der neuartigen Südfunk-„Antiparasit Rotor Antenne“ besprochen, „die im Neunröhren Großsuper Mirakel ihre verblüffende Wirkung zeigte“. „Mit 40 Export-Typen für alle speziellen Auslandswünsche konnte 1954 rund 80 % der Fertigung exportiert werden“ – steht in der „Funkschau“, im Heft 16/1954. In den deutschen Rundfunk Katalogen findet man 1954 nur das Südfunk Modell Mirakel W 910 K, in den Folgejahren aber wieder mehrere Typen, welche z. T. „Diamond“ genannt wurden. 1957 kamen kleine Superhets im Kunststoffgehäuse, die zuvor nur für den Export vorgesehen waren, auch auf den deutschen Markt. Und die Großgeräte mit Namen „Maestro“ erhielten neuartig gestaltete Gehäuse.

1958 war Dr. Ott unter den Pionieren, welche weltweit die ersten volltransistorisierten UKW­ Koffergeräte auf den Markt brachten. Auch die quarzgesteuerte „Luxemburg ­Taste“ galt als Südfunk ­Spezialität – Telefunken kopierte sie 1971.

 

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Der Südfunk­ Transistorkoffer K 986 von1959 konnte Mittelwellen empfangen, und als erstes „röhrenloses“ Gerät auch Ultrakurzwellen. Oft wird er mit dem Mende Mambo aus dem selben Jahr verwechselt, die ähnliche Gehäuse-Gestaltung war aber reiner Zufall. Der viel verkaufte MW / LW ­Mende ­Koffer kostete nur 165 DM, der Südfunk K 986 mit FM ­Empfang dagegen 299 DM. Noch weitere zehn Jahre fertigte Dr. Ott fortschrittliche Kofferradios. Bis 1968 war das Fabrikat noch mit HiFi­ Anlagen und den Portable Kofferempfängern in den Katalogen. Wenn man es ab 1969 dort nicht mehr finden konnte, bedeutete dies doch nicht sein Ende. Im Gegenteil – Anfang der Siebziger erstellte Ott in Waiblingen ein großzügiges Werk mit 20.000 qm Fertigungsfläche. Im neuen Werk wurden auch Empfänger für Quelle und Neckermann gefertigt, sowie zahlreiche HiFi­ Anlagen, welche Dual und Lenco unter der eigenen Marke offerierten.

 

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Bericht aus dem „Funkschau“-Heft 22/1967

 

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 Inserat aus der „Funkschau“, Heft 20/1971

 

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Preisgünstige HiFi-Tuner und Verstärker waren schon in den Sechzigern eine Südfunk-Spezialität. 1967 kostete der Soundmaster T 118 nur 259.-, und der V 168 nur 299.- Mark. 1958 waren’s die Typen T 124 und V 124. „Das wusste ich gar nicht, dass diese Geräte in den Siebzigern noch unter der eigenen Marke „Südfunk“ vertrieben wurden“ – sagte Dr. Ott’s Schwiegersohn Werner Roßnagel, der in die Konstruktion derselben eingebunden war. Die etwa 1971/72 gebauten Tuner T 715 und Verstärker V 716 lieferte die ins neue Werk Waiblingen eingezogene Südfunk-Gesellschaft hauptsächlich an Quelle, welche sie als „Universum-Geräte“ verkaufte.

 

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Bericht aus dem „Funkschau“-Heft 1/1962

 

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Ein Baustein aus der letzten Südfunk­ Produktion 1979/80: HiFi­ Tuner T6800. Das Südfunk­ Typenschild jedoch sucht man vergebens – für die „Theo Schmitz  GmbH & Co. KG.“ in Paderborn wurde dieses Gerät gebaut. Theo Schmitz bestückte damit hochwertige Modelle seiner „Rosita­ Tonmöbel“. Technisch waren diese Empfänger auf dem neuesten Stand, fast nostalgisch mutet der ihnen verliehene Namen an: „Audion“. Nach de Forests Erfindung nannte man so die frühen Einröhrenradios. 

Nicht zuletzt kamen aus dem Südfunk Werk etliche Chassis, Tuner, Verstärker und Receiver, welche Rosita in ihre Tonmöbel einbaute bzw. verkaufte. Sogar Metz und Blaupunkt (siehe Kap. 9.19) zählten zeitweise zu den Abnehmern der Waiblinger HiFi­ Produkte, und nicht wenige „Funkberater“­ HiFi­ Komponenten stammten aus dem Südfunkwerk. Dem Fortschritt verpflichtet, konstruierte Dr. Ott 1977/78 Empfangsgeräte mit der Frequenzanzeige im Display – Dual und Rosita hatten entsprechende Modelle im Lieferprogramm.

 

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Bericht aus dem „Funkschau“-Heft 23/1977

 

In seinen Glanzzeiten beschäftigte das Unternehmen ca. 600 Mitarbeiter und fertigte täglich rund 1000 Geräte. Die Hauptabnehmer freundeten sich jedoch mit fernöstlichen Produkten an – Südfunk war gegen die Billiganbieter nicht mehr konkurrenzfähig – handelte doch selbst die St. Georgener Firma Dual, welche 1975 Kaiser­ Radio übernommen hatte (und trotzdem noch zu den Südfunk­ Kunden zählte), Ende der Siebziger mit Fernosterzeugnissen. Die von dort kommenden Geräte wurden zu Preisen offeriert, welche in der Größenordnung dessen lagen, was deutsche Hersteller für den Einkauf des Halbzeugs ausgeben mussten. Andere Rundfunkfabriken beschränkten sich zu dieser Zeit schon auf die Herstellung von Fernsehgeräten, welche aber bei Dr. Ott (von einer Pilotserie abgesehen) nie gebaut worden waren.

 

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1953 stand er schon im VRG-Katalog – der Südfunk-Fernseh-Standempfänger FS 100 – aber eine Serienfertigung gab es nicht.

 

Der Versuch, 1979/80 nochmals mit „Südfunk­ HiFi ­Anlagen“ in den Handel zu kommen, misslang, und am Freitag dem 13. Februar 1981 wurde die Produktion eingestellt. Anschließend fabrizierte der damals amtierende DIHT­ Präsident Stihl im Waiblinger Südfunkwerk Motorsägen.