9.129 Wandel & Goltermann, Reutlingen

 

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Kaum war der Rundfunk eröffnet – in Süddeutschland gab es noch gar keinen Sender – da beantragten zwei junge Reutlinger eine Lizenz, um Radioanlagen errichten zu dürfen. Die befreundeten Abiturienten Wolfram Wandel und Ulrich Goltermann waren schon funkbegeistert, bevor diese Leidenschaft im November 1923 legalisiert wurde. Nun konnten die bisherigen „Schwarzhörer“ mit dem Radio etwas Geld verdienen, das sie im Verlauf ihrer Studienzeit in Stuttgart gut gebrauchen konnten. Bald war das Duo mit dem Bau von Antennen ausgelastet, abends erklärten sie ihren Kunden die Bedienung der Geräte. Erst 1927, nach dem Studienabschluss, konnten die „Unternehmer“ in Reutlingen ein Ladengeschäft mieten und ein Auto anschaffen. In Kliniken im nahen Tübingen installierten sie Zentralanlagen für die Radio- und Schallplattenübertragung.

Die Wirtschaftskrise machte auch den Herren Wandel und Goltermann zu schaffen; weitere Betätigungsfelder sollten das rückläufige Rundfunkanlagen Geschäft ausgleichen. Die Bemühungen verliefen erfolgreich, W & G wurden mit der Einrichtung automatischer Fernsprech Vermittlungsanlagen im Reutlinger Rathaus und in Tübinger Kliniken beauftragt. Bis zum Kriegsausbruch florierte das Geschäft, dann musste Ulrich Goltermann zum Wehrdienst und Wolfram Wandel wurde mit Entwicklungsaufgaben im nachrichtentechnischen Institut der Technischen Hochschule Stuttgart ausgelastet.

Nach dem Krieg taten die beiden, was vielen anderen in dieser Zeit auch in den Sinn kam: sie reparierten Radios und fertigten in kleinsten Mengen (nicht eben erfolgreich) auch neue mit den Modellnamen Musikant und Tonkünstler. „Wandel & Goltermann, Reutlingen“ – schrieb die „Funk-Technik“ im Heft 6/1949 – konnte am 29. November 1948 auf ein 25jähriges Bestehen zurückblicken. Sie gehört damit zu den ältesten deutschen Rundfunkfirmen. Aus dem Rundfunkeinzelhandel hervorgegangen, dehnte sie ihre Arbeit auf das Gebiet der Fernmeldetechnik aus und führt heute vorwiegend Entwicklungen und Fertigungen auf dem Gebiete der Meßtechnik und Rundfunktechnik durch“.

Na ja – 25 Jahre waren’s nicht - oder rechneten die Herren ihre „Bastelzeit“ dazu? Und „zu den ältesten deutschen Rundfunkfirmen. Da war die oben wiedergegebene Notiz im Heft 3 der „Funkschau“ von 1949 doch eher zutreffend. Neben den Messgeräten (gewisse Parallelen zu R & S sind unverkennbar), beschlossen die Reutlinger, Autoradios zu bauen. Das erste Modell FW26 von 1949, ein Sechskreis Vorstufensuper, war noch mit amerikanischen Stahlröhren bestückt; in der Gegentakt Endstufe der „Bus Version“ wurden die ursprünglich verwendeten Typen 6 V 6 durch zwei EL 41 ersetzt. Bis 1959 hießen die Pkw-Modelle Zikade, ab 1960 Gamma. Zuvor war Gamma den Omnibusempfängern vorbehalten, mit denen W & G besonders gut im Geschäft lag.

 

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Inserat aus einem Radiokatalog von 1949

 

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Letztmals waren die PKW Radios im Katalog 1964/65 – das Omnibus Modell enthielt noch einige Röhren. Die 1965 völlig überarbeiteten, volltransistorisierten Omnibus-Typen Gamma Merkur III und Tourist III standen letztmals in den Katalogen 1966/67. Die zum Verlustgeschäft gewordene Autoradioproduktion wurde eingestellt. 1997 fusionierte Wandel & Goltermann mit der Fa. Wavetech, San Diego. 1998 feierte die Firma das 75jährige Jubiläum. Von den einst 1800 Beschäftigten waren gerade noch 700 übrig geblieben.

 

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1950 wurden W & G erfolgreich mit der Omnibusanlage FW 50-Bus (mit neuer Rimlock Röhrenbestückung), 1951 mit der Gamma FW 51 und 1952 mit der  abgebildeten Bus-Anlage Gamma II.

Drin war ein Fünfröhren Sechskreis Super für Mittel- und Langwellenempfang mit Gegentakt Endstufe, ausgelegt für acht Lautsprecher. Rechts vorn ist die Anschlussdose für ein dynamisches Mikrofon. (Werkfoto Wandel & Goltermann)

 

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Inserat aus: „Radio-Magazin“, Heft 6/1955

 

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1958 hatten W & G als billigstes Gerät (168.- DM) den Mittelwellenempfänger Zikade M im Lieferprogramm, und daneben das gleiche 6-Kreis 4-Röhrengerät Zikade ML für Mittel- und Langwellenempfang. Das kostete 10.- DM mehr.

1960 erschien – in gleicher Aufmachung – als erstes Transistor Autoradio  das hier abgebildete Modell Gamma Rubin ML. Das war teurer als das Röhrengerät: 246.- DM. Die Preise verstanden sich jeweils ohne Lautsprecher und Zubehör.

 

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Bericht aus der „Funkschau“, Heft 6/1955